Veröffentlicht in

„Müssen wir das jetzt so machen?“

Manchmal ist Digitalisierung erstaunlich.
Nicht weil sie kompliziert ist.
Sondern weil man sich fragt, warum wir manche Dinge eigentlich so lange
anders gemacht haben.

Also: Steigen wir kurz in eine Zeitmaschine.

1998
Die Patientenakte ist aus Papier.
Der Termin steht in einem dicken Buch.
Das Fax läuft heiß.
Und an der Schreibmaschine klebt ein Zettel mit einer Telefonnummer, die seit Jahren
nicht mehr stimmt.

Aber es funktioniert.
Irgendwie.

2026
Digitale Akte.
Onlinetermine.
Digitale Übermittlung.
Dokumente, die nicht mehr in einem Ordner verschwinden, der ungefähr das Gewicht
eines Kleinkindes hat.

Und dann kommt: „Müssen wir das jetzt wirklich so machen?“
Ja.

1998 hat angerufen. Es möchte seinen Arbeitsplatz zurück.

Die Papierakte:
Früher: Schrank auf. Suchen. Fluchen. Vermisstenanzeige nach Akten aufgeben.
Heute: KLICK. Patientenakte da.

Und trotzdem: „Ich möchte das bitte ausgedruckt haben.“
Natürlich.
Papier gibt Sicherheit. Man kann es anfassen, abheften und anschließend verlieren.

Das Fax: 
Ein Blatt rein. Nummer wählen. Und diesem wunderschönen Geräusch aus der technischen Steinzeit lauschen.

Heute geht’s digital.
Schneller. Direkter. Ohne Papier.

Und trotzdem: „Können Sie es sicherheitshalber noch faxen?“
Natürlich.
Man möchte den Fortschritt doch nicht überfordern.

Der Termin:
Früher: Terminbuch. Viele Kästchen. Ein bestimmter Bleistift. Und irgendwo dazwischen ein
Radiergummi, weil Frau Müller Ihren Termin verschieben möchte.

Heute: Onlinetermin
Ohne: „Moment ich muss kurz schauen.“
Und trotzdem kommt manchmal der Anruf:

„Ich wollte nur sicher sein, dass diese Online-Terminbuchung auch funktioniert.“
Fair. Das Internet ist schließlich noch ganz neumodisch.

Der Zettel:
Lebte mit seinen vielen Leidensgenossen meist zuhauf in der Kasack-Tasche jeder Helferin.
Ein bisschen zerknüllt aber gerade noch lesbar.
„Ich hab’s mir kurz aufgeschrieben.“

Heute gibt es digitale Aufgabenlisten mit Erinnerungsfunktion.
Die Zettel sind weg – meistens jedenfalls.
Die Aufgaben leider nicht.
Aber genau darum geht es schließlich.

Digitalisierung muss nicht alles besser machen.
Sie muss nur verhindern, dass wir irgendwann wieder im Schrank nach Frau Müllers Akte suchen.
Während Frau Müller seit 10 Minuten am Telefon wartet.

Und wenn dann wieder jemand fragt:
„Müssen wir das jetzt wirklich so machen?“
Kein Problem.
Man kann natürlich auch zurück.
Papierakte. Fax. Terminbuch. Stempel. Und einem Zettel an der Schreibmaschine.

1998 hat schließlich noch Platz.

Veränderung ist wie ein Pflaster – Irgendwann muss es eben ab.😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert